Anwälte und fliegende Holländer, 26. Mai , Tandi – Udaipur, Himalaja, Indien

Anwälte und fliegende Holländer, 26. Mai , Tandi – Udaipur, Himalaja, Indien

 

An diesem Morgen bin ich recht früh wach und nach der Katzenwäsche an der Bewässerungsrinne ist mein Lager ist schnell verstaut.
Frühstück bekomme ich bei den Schönheiten im Ort, Tee mit Omelett. So verlasse ich Tandi wohlgenährt über die Brücke, von da an geht es auf Asphaltstraße steil hoch. Ab hier habe ich die Hauptroute nach Leh (Ladakh) verlassen und bin NW in ein anderes Tal abgebogen. Ab nun geht es für gute 100 Km durch diese Schlucht. Die Sicht nach links und rechts ist begrenzt und ich kann nachvollziehen das manche Menschen dies beengt empfinden. Ich persönlich genieße jeden Moment, die Aussicht ist beeindruckend, die Gegend hat sich komplett geändert. Wo die Berge Platz gelassen haben wird Landwirtschaft betrieben. Die Saison ist kurz hier oben, daher wird von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang geackert was das zeug hält.

Gegen 10 Uhr passiere ich eine Stelle, wo ein Bergbach die Straße kreuzt und ich kann nicht widerstehen. Es wird gehalten und gebadet. Ojee das Wasser ist sooooooo kalt, aber ich war auch sooooo dreckig und eingestaubt. Ich wasche auch die Sachen welche ich anhabe, die im Bus vorbeifahrenden Inder finden das sehr aufregend einen Touri in Unterhosen am Bach zu sehen. Als ich schon dabei bin einzupacken, sehe ich plötzlich einen anderen Backpacker auf seinem Fahrrad vorbei radeln, ich winke noch aber er reagiert gar nicht. OK, der hat wahrscheinlich ein Schweigegelübde abgelegt und möchte nicht anhalten, auch gut. Ich beende meine Reinigungsmeditation und mache mich wieder auf den Weg.

In einem der nachfolgenden Ortschaften mache ich noch einmal eine Pause und ein Mann spricht mich in fließend Englisch an, sehr selten so weit weg von der Hauptstadt. Es stellt sich heraus das Pawan Anwalt in Delhi ist und gerade Urlaub in seinem Haus in den Bergen macht. Wir unterhalten uns lange über viele Dinge, trinken dabei Tee und besuchen die örtliche Schule damit ich mir einen Unterricht anschauen kann. Es waren interessante 2 Stunden bei einem äußerst aufmerksamen Gastgeber, zum Abschied erhalte ich sogar noch ein Geschenk. Ich muss ehrlich sagen, Indien ist bisher das Land wo ich die freundlichsten und höflichste Begegnungen mit Menschen hatte. Ich erhalte noch eine Einladung über Nacht zu bleiben, aber da ich gerade mal 25 Km zurückgelegt habe und noch etwas sehen möchte lehne ich ab.

Die Reise geht weiter durch schroffes, wildes aber in den Bann ziehendes Land. Es zeigt sich heute von seiner heißen und staubigen Seite. In einem der kommenden Orte muss ich eine Pause einlegen um ein Kaltgetränk zu mir zu nehmen. Als ich gerade ins Lokal gehen möchte, kommt der Backpacker von meiner Waschpause wieder vorbei geradelt und sieht mich schon wieder nicht? Schweigegelübde und blind?

Nein nur im Tunnelblick, es stellt sich heraus das er Holländer ist und 4 Monate durch Nepal, Indien, Pakistan und China radeln möchte. Mein Eindruck ist es das sein Fokus auf Radfahren, Kilometer und Höhenmeter liegt und weniger auf Reisen. Er hat sein Garmin so eingestellt das es Ihn alle 10 Kilometer daran erinnert ein Bild zu machen. … Und, was hast Du gesehen auf deiner Reise? Mein Vorderrad, mein Garmin und alle 10 Km ein Bild ;-). Der ist tatsächlich in einem fremden Land unterwegs und radelt 2x an einen anderen Backpacker vorbei, ohne ihn zu bemerken. Nicht meine Art zu reisen, aber man muss andere Ihr Ding lassen, alles gut wie es ist. Auf jeden Fall essen wir gemeinsam zu Mittag und tauschen Informationen über unsere Reisen aus. Als ich ihn frage, warum er umgekehrt sei war die Antwort das die Strecke nach der nächsten Ortschaft zu schlecht sei. OK, dan kommt da endlich der Straßenbelag wo mein Rad für gebaut ist.

In der tat wird die Straße, nein die Piste, schlecht. Kurzerhand verwandele ich mein Surly, durch ablassen des Reifendrucks auf 0.9 bis 1,2 Bar, in ein Pistensofa. Natürlich muss ich die Geschwindigkeit drosseln, insbesondere Bergab, um keine Snakebites (Durchschläge des Schlauchs durch die Felge) zu riskieren.
– heute, 7 Tage später, kann ich sagen, dass ich auf der gesamten Strecke nur einen Plattfuß hatte, für so ein Gelände TOP –
Ich kann verstehen, dass der Holländer mit seinem Rad hier keinen Spaß hatte, solch ein Untergrund ist mit 26″ oder 28″ großen Reifen kein Spaß. Die brauchen nämlich mindestens 3 BAR Druck auf so einem Untergrund und geben jeden einzelnen Schlag an Fahrrad, Gepäck und Fahrer weiter. Eine Tortur für Fahrer und Material. Ein 29 x 3,0 Zoll Reifen hingegen hat erstens 31,5 Zoll Radumfang, daher fällt er nicht in jedes Loch hinein und zweitens ein riesiges Volumen ( 70 mm hoch und 66 mm breit) der Reifen schluckt (dämpft) die Schläge ab, so werden Fahrer und Material geschont. Ich bin immer wieder erfreut darüber wie gut dieses Konzept funktioniert.

An einer Stelle kann ich beobachten wie die Mutter Ihr Kind auf den Heimweg aus der Schule abpasst, um gemeinsam den Fluss zu überqueren. Es ist eine Art mit Handkraft betriebene Seilbahn über dem Wasser, die Personen sitzen dabei in einem Käfig welchen sie selbst zur anderen Seite ziehen. Mir wird schon vom zuschauen mulmig und bestaune das Geschehen mit gehörigen Respekt, insbesondere wenn man sieht welcher Fußmarsch nach der Käfignummer auf die Ladys wartet.


Ansonsten nimmt im Verlauf des Tages der Verkehr immer weiter ab und das Tal wird enger. Ich sauge das Panorama auf und genieße es in dieser Ruhe zu radeln. Im Gegensatz zu den bisherigen Verkehrsverhältnissen empfinde ich es als eine absolute Wohltat nahezu alleine auf der Straße zu sein.

Gegen 17:00 Uhr komme ich in Udaipur an und entdecke am Ortseingang, neben einer Autowerkstatt, ein Guesthouse. Eine Stunde später bin ich geduscht und meine Sachen sind gewaschen. WiFi / Internet sind natürliche Wunschgedanken und so bin ich froh wenigstens über mein InReach Gerät mit der Familie kommunizieren zu können. Irgendwann am späten Nachmittag hat der örtliche Tempel angefangen Musik über Lautsprecher über das gesamte Dorf zu verteilen. Es ist eine furchtbare Musik mit immer wieder denselben Refrain, warum muss Religion nur so furchtbar aufdringlich und laut sein. Egal ob Singsang, Turmschreier oder BimBam, lasst doch um Himmelswillen die unbeteiligten daraus und feiert eure Messen ohne euer Umfeld zu belästigen. Aber gut, auch das werde ich nicht ändern, Gelassenheit und Toleranz helfen .

So schlafe ich an diesen Abend mit dem brainwash Hindu Refrain im Kopf ein und hoffe am nächsten Tag nicht, als Fliege reinkarniert, wieder aufzuwachen.

Cu
Phil

Hier noch ein Link zu der FB Seite von Pawan: https://www.facebook.com/Dassier-Shaute-400096727035920

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