Sonntag 22.06.14 Makhinjauri nach Zestaponi

An einem Sonntag, dazu noch im Urlaub, um halb sechs aufzustehen weist schon schwere Symptome von Masochismus auf. Jedoch, wir sind härter als der Wecker, raus aus den Federn, anziehen, einkaufen, Frühstücken und ab zum Bahnhof.
Als wir um 10 vor Zieben an dem Ticketschalter ankommen sind wir alleine und er ist selbstverständlich noch geschlossen, was sich eine viertelstunde später jedoch grundlegend ändert. Sobald die Damen eintreffen stelle ich mich brav vor einen der besetzten Schalter und warte bis die Bedienstete Ihren Arbeitsplatz bequem eingerichtet hat und der Rechner einsatzbereit ist. Diese Prozedur dauert wiederum eine gute Viertelstunde sodass der eigentliche Vorgang des Erwerbs einer Fahrkarte um 07:20 Uhr starten kann. Jedoch hat innerhalb dieser halben Stunde an unseren beiden Tiketschaltern eine Kaukasische Volkswanderung stattgefunden und ich entdeckte das erste mal etwas was es in Georgien nicht gibt: Warteschlangen. In Georgien existieren ausschließlich „Wartekneuel“! Privatsphäre und Distanz machen Platz für Gemeinschaftliche Einkäufe. Jeder hat etwas dazu beizutragen und so schafft es die Gemeinschaft „Wartekneuel Schalter 2“ nach 10 Minuten Einigkeit darüber zu erlangen das die Touristen mit ihren Rädern für 4 Lari nach Kutaisi fahren können.

Unser Zug trifft, wie alle vorangegangenen, punktlich ein. Wir sollten ein paar Mitarbeiter der Georgischen Bahn als Entwicklungshelfer für ein paar Jahre nach Deutschland holen, vielleicht hilft es. Sobald der Zug angehalten hat, stürmt die kaukasische Volkswanderung, die vom Ticketschalter, in einem Affenzahn vom Bahnsteig in die Wagons. Zuerst könnte man meinen der erste gewinnt einen Flatscreen, jedoch stellt sich sehr schnell die fehlende Anzahl an Sitzplätzen als Ursache für die „Druckbetanktung“ der Zugabteile heraus. Da wir unsere Räder noch verladen müssen haben wir eh keine Chance einen Sitplatz zu erringen, daher lassen wir es langsam angehen. Etwas schwieriger gestalltet es sich dafür, die Räder zwischen den Fluten der Menschen durchzuführen welche jetzt noch von Waggon zu Waggon ziehen um einen letzten freien Sitzplatz zu finden. Aber auch diese Aufgabe gelingt uns mit einer Gelassenheit als ob wir 6 Liter Baldrian zum Frühstück genossen haben. 2 Wochen Georgien zeigen ihre erste Wirkung. Mit freundlicher Hilfe des Schaffners finden wir auch einen geeigneten Platz für die Ponnys und die Reise kann losgehen.
Die Wagons sind in einem wirklich desolaten Zustand, ich hoffe das Fahrgestell sieht besser aus als der Aufbau. Das einzige was beruhigend ist, ist die geringe Geschwindigkeit womit sich die Bahn fortbewegt. Aber wie der Kölner sagt: et hät noch immer jut jejange
Josh und Ich sitzen auf unseren Räder die jeweils in einem anderen Waggon stehen, so müssen wir die Reise getrennt von einander antreten. Wir beschließen auf der Fahrt ein Hörbuch anzuhören um dem infernalischen Lärm zu entgehen. Beim stupiden Vorgang das Fenster zu öffnen, stupide deshalb weil durch die nicht anständig schließenden Türen bereits für ausreichend Lüftung gesorgt ist, ist leider mein Handy zu Boden gegangen. Selbstverständlich hat beim Zusammenprall der „Gorilla-Glasscheibe“ des Handys und dem Riffelblechboden der Georgischen Lock mein Handy verloren. Diesmal ärgere ich mich doch.

Nun gut, kein Hörbuch, dafür aber reality show at his best. Sofort nach verlassen des Bahnhofs startet eine Schar an Seelenverkäufern Ihr Annimationsprogramm. Eine Großmutter läuft, in Übergroßen Plastiksandalen, einen 42 Km Wurst und Chips Marathon zwischen Waggon 1 und 4. Dicht auf den Fersen folgt Ihre Stieftochter mit Getränken, Erdnüssen und Zigaretten welche auch einzeln zu erwerben sind. Das Fatale an der Schwiegertochter ist: die Stimme von Margerethe Schreinemakers ist Gutenachtbalsam gegenüber ihrem Organ welches Lautstark und Mantraartig immer wieder durch die Waggons hallt. In jedem anderen Land würde die Schwiegertochter verprügelt werden. Ich schaffe es, dank der 6 Liter Baldrian vom Frühstück, meinen starken Drang die Schwiegertochter aus dem fahrenden Zug zu schmeißen, Einhalt zu gebieten. Was jetzt kommt ist großes Kino, Hamburg Mannheimer schmeißt eure Verkaufstrainer raus und fahrt 2 Wochen Bahn in Georgien! Nennen wir Ihn mal Jup. Jup läuft mit Lesebrillen, Schreibblöcken und Kugelschreibern herum. Alle paar Reihen bleibt er stehen und hält einen feurigen Vortrag, zieht dabei Artikel aus Magazinen hervor und gestikuliert schwungvoll. Die Menge regt sich….wird der Typ jetzt verhauen? Nein, im Gegenteil, er verkauft seine Brillen, Bändchen und Blöcke wie geschmierte Brote. Es ist das erste mal das ich mich ärgere die Sprache nicht zu verstehen, mit seinen Fähigkeiten werde ich in Deutschland „Vorwerkmilionär“.

Etwas was mir während der Fahrt wieder einmal negativ auffällt ist der Umgang mit Müll. Alles was die fliegenden Händler verkaufen landet in Plastiktüten. Sogar die Plastikflasche in Plastiktüte. Nach Konsum der Inhalte wird alles was irgendwie durch das Fenster passt hierdurch entsorgt. So fliegen Plastikflaschen und Plastiktüten in die Umwelt aber auch Zeitungen, Zigaretten und anderer Unrat. Das dauert noch einige Generationen bis in Georgien ein Umweltbewusstsein Einzug hält.

Nach der Zugfahrt machen wir uns von Kutaisi auf den weg nach Zestaponi. Die Fahrt auf der M1 gleicht einem Montagsmorgen Spaziergang auf dem Kölner Autobahnring. Ein Höllenverkehr herrscht auf dieser Hauptverbindung von Tiflis mit dem Ausland, allen voran der Turkei. 50 Jahre alte UDSSR-LKW teilen sich eine Fahrtrichtung mit den 500 PS Trucks, den SUVs, den Ladas und uns. So wird die Zweispurige Strecke schon mal kreativ Sechs- oder Einspurig. Ganz wohl ist mir dabei nicht.

Plötzlich nimmt unser noch immer nicht desensibilisierter Hunderadar einen Rottweilermischling auf, der zu einem Sprint in unserer Richtung ansetzt. Wir treten in die Pedale aber der vierbeinige, aus dem Maul sabberende Flohsack ist schneller. Ich habe dermaßen die schnauze voll von angreifenden Kötern, dass ich vorhabe den Spieß umzudrehen. Mit gezogenem Messer halte ich mein Rad an, lege es auf den boden und laufe dem Hund entgegen. Dabei sammele ich einen Stein vom Boden auf und feuere diesen schon mal in Richtung Sabberdobermann. Dieser und der Ihm folgende Straßenköter haben offensichtlich verstanden das bei mir Schluss mit lustig ist und sie suchen schnellstens das Weite. Da ich es furchtbar leid bin von Hunden gejagt zu werden wird diese Taktik mich bis zum Ende unseres Aufenthaltes begleiten.

In Zestaponi angekommen Fragen wir nach einem Hotel, die angesprochenen rufen kurzerhand eine Verwandte in Stuttgart an damit diese zwischen uns übersetzen kann. Anschließend lassen sie umgehend die Arbeit liegen und fahren mit dem Auto vor um uns zu einem Motel zu führen. Diese Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft ist überall in Georgien anzutreffen. Die Zimmer der Motels sind sauber, wir buchen ein und schlafen eine Runde.

Gegen 20 Uhr machen wir uns auf den weg zum Taxistand und erkundigen uns nach den Transportgelegenheiten nach Chiatura. Ich möchte den Weg in die berge hoch nach Chiatura nicht radeln da sich heute Joshuas Knie in den anstiegen gemeldet hat. Die letzten Tage ist Schongang angesagt, Tempo und Tagesleistung werden gesenkt, Bergpassagen mittels Transportmitteln überbrückt.
Am Taxistand erfahren wir von David in Deutsch, er war 3 Jahre in Oldenburg, welche Möglichkeiten es gibt um uns und die Räder nach Chiatura zu bringen. Wir entscheiden uns erneut für die Bahnfahrt, 06:15 ist Abfahrt am Bahnhof.
Grüße Josh und Phil

  4 comments for “Sonntag 22.06.14 Makhinjauri nach Zestaponi

  1. dc: )
    24. Juni 2014 at 5:10 PM

    Lachflash : ))) danke lieber Phil, dafür das ich an euren Abenteuern in der Luxus Variante „lies meinen Blog, amüsiere dich und pups weiter in deinen Sessel“ teilhaben darf: )) Ich wünsche euch auch für die noch verbleibenden Tage genügend Baldrian und gute Besserung für das Knie von deinem Sohnemann!

    • 25. Juni 2014 at 9:32 PM

      Hi DC,
      danke fürs treue lesen und kommentieren, nur dafür nehmen wir diese Strapazen auf uns :-).
      Mittlerweile sind wir wieder in Tiflis und steigen morgen auf einem V8 4×4 um, wird bestimmt auch ein Spaß:-).
      CU
      Phil

  2. Andreas Kau
    25. Juni 2014 at 4:09 PM

    Hi ihr beiden,

    Geil die Geschichte mit dem Hund, ich hätte es auch so gemacht….

    LG
    Andreas

    • 25. Juni 2014 at 9:34 PM

      Hallo Andi,
      ja in Italia macht ihr das alle zum Frühsport so …. oder :-), ich brauchte eine Weile um dieses „Agrolevel“ zu erreichen.
      Gruße in die Heimat.
      Phil

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