Höllentour und Kappenmänner, 28. Mai, Killar – Kishtwar, Himalaja, Indien

Höllentour und Kappenmänner, 28. Mai, Killar – Kishtwar, Himalaja, Indien

Ich bin an diesen Morgen mal wieder froh das Hotel zu verlassen und hoffe, dass die Erinnerungen daran schnell verblassen werden. Die erste vernünftige Amtshandlung des Tages ist die Frühstücksaufnahme, ich treffe dort auch andere Gäste aus dem Hotel wieder. Die Jungs vom laden machen gute Laune, gutes Frühstück und letztendlich einen vollen Magen. Von den anderen Gästen aus dem Hotel erfahre ich das Sie Europa besucht haben, sie waren so begeistert von Wien. Ja Wien, welch ein Kontrast zu Killar.
Eigentlich wollte ich ja zwischen Udaipur und Killar den Sach Pass (4420 Meter) überqueren und Richtung SW fahren, aber, ja der ist wegen Schnee noch geschlossen. So kommt es das ich immer weiter Richtung Westen gelange, näher an Pakistan und näher an dem Konfliktgebiet. Aus diesem Grund erkundige ich mich regelmäßig nach der Lage und der Sicherheit auf den Wegen, welche ich fahren möchte. Die zu meidenden Gebiete markiere ich in meiner Karte. Zum Abschied gibt es noch das Selfie mit dem Küchenteam und gute Wünsche für meine Reise.

Killar, Himalaja, India

Die ersten 10 Kilometer geht es zwar bergab, aber es ist übelste Piste, an vielen Stellen kann ich nicht schneller als 5 km/h fahren. Wo ich die Talsohle erreiche, bremst ein Schlagbaum meine Fahrt. Der Typ mag diesen nicht ohne weiteres öffnen und ruft seinen Vorgesetzten. Als ein junger Bursche in Uniform die Treppe hinunter kommt denke ich mit OHA. Hier, am Allerwertesten der Welt ist nichts los, die Jungs langweilen sich zu Tode und jetzt komme ich, Prime Time am Schlagbaum. Die üblichen Fragen beantworte ich geduldig und mein Reisepass inkl. Visum hatte ich sowieso schon ausgekramt. Nach diesen Formalitäten wollte ich mich dann verabschieden, aber Pustekuchen, der möchte mein Gepäck durchsuchen und entdeckt dabei mein Garmin am Lenker. Frage: „is this a satelite Phone?“. Die sind nämlich streng verboten in Indien, der Besitz ist mit empfindlichen Strafen belegt. No Sir, this is a GPS. Online or Offline Sir? Oh, offline Sir war meine instinktive Antwort und zeige ihm schnell die Kartenansicht und wo der von mir zurückgelegte Weg markiert ist. Mir ist klar, dass ich aus dieser Situation heraus muss, denn wenn der Typ mein InReach findet, habe ich keine Lust 2 Tage zu diskutieren das SMS per Satellit kein Telefon ist. Also fange ich bei meiner Tasche mit der dreckigen Wäsche an und erzähle dem Uniformierten locker ein wenig von meiner Reise. Irgendwo wird er schon anbeißen. Die dreckige Wäsche interessiert Ihn genauso wenig wie meine Tasche mit den Essensvorräten und so gelangen wir zu meiner „Technik“ Tasche. Hier sind Laptop, Powerbank, Solarpaneel, Küchenutensilien usw. verstaut. Es kommt die Frage auf, ob ich Sprengstoff oder Mittel zum Bau einer Bombe dabei hätte. Es rutscht mir heraus das ich, als belgischer Terrorist, bestimmt in der Lage wäre mit meinem Rasierer und der Benzinflasche vom Kocher so etwas zu bauen, wir wären halt ein kleines Land und müssten improvisieren. Ich sehe den Blick von Mr. Spaßbefreit und füge schnell hinzu, it was a joke, certainly i do not have any explosives with me.

Dann gehe ich in die Offensive und frage Ihn ob er Langeweile hat oder ob es einen Grund für die intensive Kontrolle gibt. Die Gegenfrage war, ob ich den noch nicht kontrolliert worden sei? Nein antworte ich außer Kontrolle der Papiere noch nicht, im Gegenteil. Ich wurde vor 3 Tagen von der indischen Luftwaffe auf Übung am Rothang Pass beim Colonel zum Abendessen eingeladen. Es war ein toller Abend bei einem sehr höflichen Offizier, er hat mir sogar seine private Mobilnummer gegeben und gesagt ich solle nicht davor zurückschrecken Ihn anzurufen, wenn ich Probleme hätte. Zur Not würde er mich mit einem Army Hubschrauben abholen. Ich krame in meiner Lenkertasche, da habe ich doch die handgeschriebenen Kontaktdaten von Pawan, den Anwalt aus Delhi. Doch Mr. Schlagbaum sagt alles ok, ich könne weiterfahren. Ich ärgere Ihn noch ein wenig und frage, ob wir die vorderen Taschen nicht kontrollieren wollen, aber er gibt mir freies geleit. Geht doch, ich sollte ans Improvisationstheater gehen.

Weiter gehts, allerdings folgt die Strafe für die Lüge und Häme stehenden Fußes, Bergauf, Affenhitze und weiterhin grottenschlechte Straßenverhältnisse. Bei KM 20 habe ich schon mindestens eine Stunde Schiebepassagen hinter mir. Es ist so heiß das sogar schon mein 3 Liter Wasservorrat zur Neige geht. Bei KM 22 stehen dann plötzlich, im absoluten nichts, 5 Menschen auf der Straße. Zumindest stehen Sie im Schatten eines großen Baums und es weht ein wenig der Wind. Einer der Truppe ist modern angezogen und ich spreche ihn an. Er ist auf den Weg nach Kishtwar wo er wohnt und sein Geschäft hat. OK denke ich, ein gutes Zeichen, der Typ spricht gut englisch und kennt den Weg. Als ich Ihm frage wie die Straßenverhältnisse sind meint er für die nächsten 60 km unverändert, danach leicht besser. OK es sind noch 90 km bis Kishtwar, die schaffe ich bei diesen Verhältnissen nie, die Entscheidung fällt in meinem Kopf für heute hier Schluss zu machen. Ich bin ja auch schon wieder den fünften Tag im Sattel, Pause verdient.

So adaptiere ich mich an der indischen Geschwindigkeit und setze mich einfach am Straßenrand zu den anderen 5 hin und warte auf eine Lösung. Ich habe zwar seit 2 Std. kein Auto mehr gesehen, aber der Kollege schwört bei seiner Lederkappe, hier kommen Taxis vorbei. Auf dieser Strecke würden nämlich keine Busse verkehren, daher fahren Taxis. In diesem Fall sind die Taxis 4×4 Mahindra oder TATA Geländewagen mit 3 Sitzreihen. Und tatsächlich, nach 30 Minuten kommt ein Taxi vorbei, aber es ist vollbesetzt und fährt weiter. Das zweite Taxi ist bereits gut besetzt, es sind dort inklusiver Fahrer schon Zehn Personen an Bord. Ich bleibe mal entspannt und Kappenmann geht in die Verhandlung mein Rad mitzunehmen. Nach der üblichen geht nicht – geht Diskussion liegt mein Rad auf den Gepäckträger und wir sitzen mit 16 Menschen in diesem Taxi. Alleine 5 auf der vorderen Reihe, das ist völlig abgefahren und erinnert mich stark an meiner Zeit in Ruanda, da passten auch über 30 Leute in einem Toyota Bus.

Die Strecke ist so Abenteuerlich das der Geländewagen nur in den Ersten und zweiten Gang fahren kann und vor allem gewinnen wir wieder stetig an Höhe. Ich sitze ganz vorne an der Beifahrertür links (Rechtslenker bei Linksverkehr) und da der Fluss auch links von uns ich immer schön in den Abgrund schauen, selbstverständlich ohne Befestigungen oder Leitplanken am Rand . Nach einige Kilometer kommt uns ein Taxi entgegen, wir halten und der andere Wagen auch. Passagiere werden umverteilt und so sind wir ab nun nur noch zu 11 an Bord. Dafür muss ich aber in die hintere Reihe, wieder ganz nach links außen. Gleiche Aussicht aber keine Tür mehr, die ich öffnen kann um herauszuspringen, das ist ein Gefühl, als ob man mit Flip-Flops mit verbundenen Augen den Rasen mit der Heckenschere mäht. Kann gut gehen…

SCHEIßE, ich habe seit langen nochmal ANGST. Wieder kommen Erinnerungen an Ruanda hoch, allerdings endete diese Story mit einem Geländewagen in einer 11 Meter tiefen Schlucht. Da saß ich auch hinten. Allerdings geht es hier zwischen 150 und 250 Meter runter, der Weg ist sauschmal und grottenschlecht, ein mal hat mein Rad schon die Felsen über uns geschrammt. Mir ist klar, dass ich so keine 60 Kilometer durchstehe und versuche es mal mit Logik. 18 Personen sitzen in einem Auto, 17 freuen sich einen Transport ergattert zu haben und unterhalten sich angeregt, einer hat die Hosen voll. Auf wenn soll meine innere Stimme nun hören? Mehrheit oder Erfahrung? Letztendlich finde ich das Eigenexperiment nicht uninteressant und finde meinen Frieden mit der Situation. Ich mache mit mir selbst den Deal einfach nicht mehr in den Abgrund zu schauen.

Nach gut 2 Stunden halten wir in einer Ortschaft, Essenszeit. Dieses ist einfach aber lecker und nach 30 Minuten fahren wir, begleitet von einem zweiten Taxi, weiter. Ab jetzt ist die Strecke zumindest breiter und stellenweise sogar einigermaßen gut. Das mag sich nun nach Entspannung anhören, aber glaubt mir, die Strecke ist noch immer absolut abgefahren. Als am Wegesrand ein defektes Taxi steht, wird kurzerhand ein weiterer Gast an Bord genommen, das Dutzend ist nun voll. In der nächsten Stadt werden noch kurzerhand ein paar Dinge ausgeliefert, als wir die Stadt verlassen fängt es an zu regen. Super, vertrauensbildende Maßnahme, Regen auf Staubpiste, und das Taxi hat gebrauchte Sliks montiert.

Nach 15 Kilometer, Vollsperrung! Da ist einer mit seinem Pickup von der Straße gekommen, dieser ist in 2 Stücke gebrochen und wird gerade von der Armee auf einem LKW verladen. Da der Fahrer unverletzt ist, kann ich euch auch ein paar Bilder dieses Spektakels zeigen. Es ist einfach köstlich zu sehen, wie herrlich unkoordiniert diese Aktion von statten geht. Aber, nach 1,5 Stunden sind die Pickupreste verstaut und unser Weg führt uns weiter in Richtung NW.
auf den Weg dorthin passieren wir mehrere schwer geschützte Kontrollposten, an einem mit gepanzerte Fahrzeuge muss ich sogar aussteigen. Die Soldaten sind sehr höflich zu mir, aber ich muss eine telefonische Befragung mit einem Offizier durchführen und es werden Bilder von mir mit Ausweis, Visum und Kennzeichen des Taxis gemacht. In dieser Zeit höre ich zwei mal einen Hubschrauber vorbeifliegen und habe die Vermutung das diese Situation mehr als Routine ist. Informationen erhalte ich aber keine von den Soldaten, die Art Ihrer Antworten macht deutlich, dass die Jungs einen Maulkorb erhalten haben.

Die Prozedur dauert gute 40 Minuten und wir erhalten schließlich die Genehmigung weiterzufahren, bis zur Ankunft in Kishtwar gab es keine weiteren Vorkommnisse. Kishtwar ist, nach 4 Tage in den Menschenleeren Bergen, wie ein Fußbad im Mixer, die ersten 30 Minuten sind schmerzhaft. Der Kappenmann besorgt mir ein Hotel und ich verabrede mich mit ihm zum Abendessen.

Das Hotel befindet sich leider direkt neben einer Moschee, nicht das mich das Gotteshaus stört, aber der Turmschreier hat eine ohrenbetäubende Lautstärke. Ich werde es überleben, dafür ist das Abendmahl ein wahrer Genuss, und der Restaurantbesitzer erfreut mein Appetit an seinen Speisen sichtlich. Nach dem Abendessen gehen wir eine Runde durch die Stadt, ein Labyrinth an Gassen, und besuchen seine beiden Schwestern mit denen er zusammenlebt. Er bringt mich noch zum Hotel, ich bedanke mich sehr für seine Hilfe und verabschiede mich.
Leider ist das Internet Down, so bin ich wieder auf die 160 Zeichen Kommunikation meines InReach begrenzt. Aber wenigstens das funktioniert. Morgen muss ich unbedingt Informationen zur Strecke / Lage einholen, irgendetwas geht vor sich.

Gruß
Phil

PS: Höllentour ist ein im Jahre 2004 erschienener Dokumentarfilm von Pepe Danquart über die Tour de France 2003.

  4 comments for “Höllentour und Kappenmänner, 28. Mai, Killar – Kishtwar, Himalaja, Indien

  1. Holgi
    4. Juni 2017 at 11:40 PM

    Hey Phil,
    „Höllentour“ kenne ich, ist aber im Vergleich zu deiner ne gemütliche Landpartie. 😉
    Es sei denn, du hast das Geschriebene kpl. erfunden und liegt derweil auf Malle am Strand.

    LG
    Holgi

    • 6. Juni 2017 at 2:47 PM

      Hi Holgi,
      ich glaube Malle halte ich nervlich nicht aus ;-).
      CU
      Phil

  2. Kay
    5. Juni 2017 at 1:35 AM

    Komm bald wieder!

    • 6. Juni 2017 at 2:49 PM

      Hi Kay,
      Executed!
      Bin wohlerhalten zuhause, Morgen geht es schon wieder auf Dienstreise… war ja schon so lange zuhause 🙁
      Cu
      Phil

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